Unsere Wallfahrt

Unsere Geschichte


1650 Errichtung einer Feldkapelle auf dem Weg von Ziemetshausen nach Langenneufnach als Dank für das Ende des Dreißigjährigen Krieges durch Jakob von St. Vincent
1673 Errichtung einer größeren Kapelle
1725 Bau einer Wallfahrtskirche
1754 Neubau der Wallfahrtskirche
1756 Weihe der Wallfahrtskirche
1960 Stiftung des Gnadenaltars durch Fürst Eugen zu Oettingen-Wallerstein
1963 – 1965 Errichtung der Seitenaltäre
Geräumiger, innen und außen pilastergegliederter Saalbau mit Flachtonne über hoher Voute, in die Stichkappen einschneiden; die beiden mittleren Achsen über leicht geschweifte, mit Pilasterpaaren besetzte Schrägen nach außen erweitert, in den ausgerundeten Ostecken Altarnischen; doppelte Westempore. Eingezogener, segmentbogig geschlossener Chor mit kreisrunder und querovaler Flachkuppel; seitlich balkonartige Oratiorien. Im nördlichen Winkel quadratischer Turm mit reich gegliedertem Oktogon und Zwiebelhaube. – Feiner Rokokostuck Wessobrunner Art, um 1755; über dem Chorbogen Kartuschen mit Allianzwappen Oettingen-Wallerstein / Oettingen-Baldern. – Fresken in warmen Brauntönen von Balthasar Riepp, 1755; Chor: zwei von einem Schwert durchbohrte Herzen zwischen Engeln, seitlich Embleme, Kreuzabnahme, seitlich Evangelisten, an den Brüstungen der Oratorien Guter Hirte und Immaculata; Langhaus: Verehrung des Gnadenbildes durch Heilige, seitlich Embleme. Bild der unteren Emporenbrüstung von Hans Kögl, 1921/22. – Neurokoko-Ausstattung 1959 ff. Im Hochaltar das Gnadenbild des mittleren 17. Jhs.; die seitlichen Figuren der hl. Barbara und Katharina um 1725, vielleicht von Johann Georg Bschorer. Von ihm wohl auch Maria und Joseph am Chorbogen. – In der Apsis Votivtafeln des 19. Jhs.
aus: Georg Dehio, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Bayern III: Schwaben,
bearbeitet von Bruno Bushart und Georg Paula, Deutscher Kunstverlag, Berlin 1989, S. 671

Die Geschichte des Wallfahrtswesens

Maria-Vesperbild (mal) – Einmal im Jahr steht Maria Vesperbild ganz im Zeichen edlen Rittertums. Die Ritter des Ordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem der Komturei St. Ulrich und Afra in Augsburg pilgerten zum 15. Mal nach Maria Vesperbild. Dem Äußeren nach fühlt man sich in das Mittelalter zurückversetzt.

Die Geschichte des Wallfahrtswesens ist eine Geschichte des Laien. Laien waren in der Regel Träger, Organisatoren und Führer von kleinen und größeren Wallfahrten. Sie können in Gemeinschaft oder allein stattfinden und sind nicht an bestimmte Verkehrsmittel gebunden. Auch gehört eine gewisse Ungebundenheit zur Wallfahrt.

Im Verlaufe der Kirchengeschichte haben sich vielerlei Wallfahrtsziele herausgebildet; unter ihnen nehmen die marianischen Wallfahrten einen ganz besonderen Platz ein. Sie alle sind – ein jeder auf seine eigene Weise – lebendige Zeugnisse der gefühlten Nähe Mariens. In den verschiedenen Stationen ihres Lebens hat Maria jeweils für unser Leben eine konkrete Bedeutung.

Das Gnadenbild in der Wallfahrtskirche Maria Vesperbild vergegenwärtigt die wohl schwierigste Situation im Leben Mariens: den Abend des Karfreitags, näherhin den Moment nach der Kreuzesabnahme, in dem Maria den Leichnam ihres Sohnes im Arm hält. Dieses Bild ist der Anfang der Wallfahrt im 17. Jahrhundert, und es ist durch die Jahrhunderte hindurch ihr Ziel geblieben.

Am Anfang der Wallfahrt steht keine Erscheinung und kein wunderbares Ereignis, sondern eine schlichte Stiftung aus Dankbarkeit. Gerade die Wallfahrt Maria Vesperbild ist nicht von einer weltlichen oder geistlichen Obrigkeit gegründet, eingerichtet oder geplant worden, sondern durch das gläubige Volk geschaffen und gewachsen: sozusagen eine Wallfahrt von unten.

Die Geschichte des Wallfahrtswesens kennt die Aufstellung von Kopien eines bestimmten Gnadenbildes an einem anderen Ort, der dadurch dann selbst zum Wallfahrtsort wird. Einen ähnlichen Vorgang gab es in Maria Vesperbild, als 1958 auf einer Lichtung im nahegelegenen Wald eine Holzfigur unserer lieben Frau von Fatima aufgestellt wurde. Diese Figur fand sofort überwältigende Akzeptanz bei den Wallfahrern. Zahlreiche, schlichte Votivtafeln an der Grotte künden davon, dass hier immer mehr Menschen eine ganz besondere Erfahrung der helfenden Nähe Mariens machen dürfen.

Glaube und Kunst verbinden sich am Gnadenort:


Als der Pfleger der Herrschaft Seyfriedsberg und Oberstjägermeister der Markgrafschaft Burgau, Jakob von St.Vincent, 1650 eine Feldkapelle auf dem Weg von Ziemetshausen nach Langenneufnach errichtete, wollte er seinen Dank zum Ausdruck bringen, dass der schreckliche Dreißigjährige Krieg endlich zu Ende war und er ihn unbeschadet überstanden hatte.
Oft und oft hatte der Pfleger bei der Mutter der Schmerzen Zuflucht gesucht und Erhörung gefunden. Nun wollte er ihr Bild, das Vesperbild, das die Mutter des Herrn in ihrem tiefsten Leid zeigt, in der Kapelle aufstellen.
Jakob von St. Vincent war nicht der einzige, der zu danken hatte, und so schloss sich so mancher fromme Beter dem Herrn auf Seyfriedsberg an und pilgerte zu der Feldkapelle.
Freilich, die Nöte waren mit dem Westfälischen Frieden nicht zu Ende. Kinder wurden krank, Väter verunglückten, Mütter sahen einer schweren Geburt entgegen, Pferde lahmten und Kühe gaben keine Milch. Da eilten sie von den umliegenden Orten hin zur Mutter der Schmerzen. Der eine und der andere fand Erhörung. Das sprach sich herum. Die Zahl der Beter nahm zu.
Nach dem bereits 1673 eine größere Kapelle errichtet worden war, ging man 1725 an den Bau einer Wallfahrtskirche. Simpert Kraemer schuf einen hohen, lichten Zentralbau, eine höchst kunstvolle Konstruktion, die allerdings keine 30 Jahre überdauerte. Die Fundamente erwiesen sich als zu schwach. Allzuviele Fenster und Durchbrüche beeinträchtigten die Tragfähigkeit. Risse bildeten sich. Es bestand die Gefahr, dass das filigrane Bauwerk einstürzte. So schlimm es war, es blieb keine andere Wahl, als die Kirche abzubrechen, wollte man nicht Leib und Leben der Wallfahrer gefährden. Noch im gleichen Jahr, 1754, begann man mit dem Neubau. Die Arbeiten übertrug man Johann Georg Hitzelberger, einem Maurermeister aus Ziemetshausen. Er achtete auf gute Fundamente und tragfähige Mauern. So entstand der lichte Kirchenraum, den wir heute sehen. Das barocke Gotteshaus mit dem schmucken Zwiebelturm, das sich malerisch in die Landschaft einfügt, hat seitdem manche Veränderung in seiner Ausstattung erfahren, aber immer stand das Gnadenbild, die Schmerzensmutter mit dem toten Sohn, im Zentrum. Erhalten geblieben sind auch Fresken von Balthasar Riepp aus Reutte in Tirol.
Das Deckenfresko im Chorraum erzählt von der Kreuzabnahme. Maria und Johannes stehen unter dem Kreuz. Der Künstler sucht die ganze Dramatik des Vorgangs zum Ausdruck zu bringen und auch das Leid, das alle am Geschehen Beteiligten erfasst hat. Maria aber steht unter dem Kreuz. Sie ist bereit für den Augenblick, in dem man ihr den toten Heiland in den Schoß legt.
Das Wort des greisen Simeon, das er bei der Darstellung Jesu im Tempel gesprochen hat, „Deine Seele wird das Schwert des Schmerzes durchdringen“, (Bild an der unteren Empore) erfüllt sich von neuem.
Die vier Evangelisten, die in den Zwickeln dargestellt sind, verkünden die frohe Botschaft, dass Jesus am Kreuz für uns gestorben ist und am dritten Tag von den Toten auferstand. Die Mutter, die unter dem Kreuz ausgehalten hat und den toten Heiland im Schoß hält, darf an der Verherrlichung des Sohnes teilhaben. Davon berichtet das Deckenfresko des Langhauses. Wir dürfen einen Blick in den Himmel werfen. Die verklärte Schmerzensmutter hält uns den Sohn entgegen. Sie ist umfangen von der Liebe des himmlischen Vaters, erfüllt mit der Freude des Heiligen Geistes. Um die Schmerzensmutter scharen sich die Heiligen. Man kann den Patron der Beichtväter, Johannes Nepomuk, erkennen, aber auch Sebastian, Laurentius und Stephanus. Bei den weiblichen Heiligen erkennen wir Barbara und Katharina. Diese beiden Heiligen nehmen auch einen Ehrenplatz am Gnadenaltar ein.
Der Gnadenaltar ist die Mitte der Wallfahrt. Er ist zwar erst 1959 von Anton Reissner entworfen und 1960 von Fritz Hoermann ausgeführt worden, aber diese Stiftung des Patronatsherren, des Fürsten Eugen zu Oettingen-Wallerstein, fügt sich organisch in das Bauwerk ein.

Die Mutter der Schmerzen hat hier gleichsam ihren Thron aufgeschlagen, um die Nöte der Menschen zu den eigenen zu machen.
Sie hält den toten Sohn auf ihrem Schoß und sagt damit dem frommen Pilger: „Schau auf meinen Schmerz und erkenne, dass kein Leid dieser Welt ohne Sinn ist.“ Sie verweist mit ihrer linken Hand auf den himmlischen Vater, dessen Willen alles zum Besten fügt. Der tote Heiland zeigt mit seiner Rechten, aus der alles Leben entschwunden ist, auf den Tabernakel, in dem er im Sakrament bei uns ist. Der ausgestreckte Zeigefinger dieser Hand weist schließlich auf den Altar, den Ort der Gnade Gottes. Hier am Gnadenaltar wird das heilige Opfer gefeiert. Hier steht der Christ mit Maria unter dem Kreuz. Hier hört er mit Maria Gottes Wort. Hier bekennt er mit Maria seinen Glauben. Hier empfängt er seine Sendung hinein in die Welt.
Die beiden Seitenaltäre entstanden 1963 – 1965. Geistlicher Rat Jakob Ruf, als Nachfolger des Rheinländers Johannes Kött (1938 – 1956) der unermüdliche Förderer der Wallfahrt, der von 1956 – 1988 in Maria Vesperbild tätig war, hat das Bildprogramm erstellt. Mariä Verkündigung und das Pfingstereignis, Bilder des Malers Jakob Heinlein, erzählen vom „Ja“ Marias zum Willen Gottes und der Stellung Marias in der Mitte der Kirche. Figuren der Heiligen Johannes Nepomuk und Sebastian (linker Seitenaltar) lassen Vergangenheit und Gegenwart zusammenklingen. Über allem aber thront der dreifaltige und eine Gott (linker Seitenaltar), der durch den Heiligen Geist (rechter Seitenaltar) die Kirche lenkt und leitet.
Der Geist Gottes soll auch den Prediger erfüllen, der auf der Kanzel die frohe Botschaft verkündet. Auf dem Schalldeckel steht groß Jesus selber, der sein Herz verschenkt. Hat Jesus nicht wirklich ein Herz für jeden, ganz besonders aber für seine Mutter? Der Gleichklang der Herzen wird in einem Fresko über dem Gnadenaltar angedeutet. Hat Jesus nicht ein Herz für diejenigen, die mühselig und beladen unter der Kanzel sitzen? Es sind recht verschiedenartige Menschen. Die kleinen Bilder an der Kanzel charakterisieren sie. Da sind die aufmerksamen Hörer (Bergpredigt). Da sind diejenigen, die das Wort Gottes hören und es befolgen (Aussendung der Jünger). Da sind diejenigen, bei denen alles beim Alten bleibt (Paulus in Athen). Ganz gleich wie es um den Hörer steht, der Prediger muss unermüdlich den guten Samen ausstreuen (Sämann); er muss immer aufs neue seine Netze auswerfen (reicher Fischfang); er muss Gott auch das Umögliche zutrauen (Wasser aus dem Felsen). Die Mahnung zur Umkehr und Buße darf nicht verschwiegen werden. Die Einladung zur Beichte gehört zu einer Wallfahrt, wenn sie mehr als ein Ausflug sein soll.
Worum es bei einer guten Beichte geht, zeigen die Bilder an den Beichtstühlen der Wallfahrtskirche. Wir sehen (von rechts nach links) den reuigen Petrus, der seine Fehltritt bitterlich beweint; den heiligen Pfarrer von Ars, der nicht müde wird zu sagen „Ach, kehrt um, kehrt um!“ Maria Magdalena, der viele Sünden vergeben werden, und Jesus, den guten Hirten. Eigentlich fehlen die Bilder nach der heiligen Beichte. Die Freude, die daraus wächst, wen man von der Last seiner Sünden befreit wieder frei atmen kann, sollte doch auch aufleuchten.
Wer aber zum Beichtstuhl an der Westwand der Wallfahrtskirche blickt, der entdeckt dort die Figuren von Heiligen, die durch Buße und Umkehr auf ihrem Weg zu Gott gestärkt wurden. Menschen, von denen die Kirche sagt, dass sie bei Gott im Himmel sind: Bischof Ulrich von Augsburg, Christophorus, Leonhard, Florian und Theresia von Lisieux (von links nach rechts).
Manches gäbe es noch zu entdecken, wie die zahlreichen Putten, die das Loblied Gottes singen, oder die allegorischen Fresken, die Fatimamadonna und den Kreuzweg, nicht zuletzt die Votivtafeln, die von Gebetserhörungen berichten, aber beschließen wir unseren Rundgang, indem wir mit Maria Gott preisen: „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter“ (Magnifikat).
aus: Die Wallfahrt Maria Vesperbild, Hrsg. Msgr. Dr. Wilhelm Imkamp, Wallfahrtsdirektor Maria Vesperbild

von Prälat Ludwig Gschwind

Die Grotte


Von der Wallfahrtskirche führt ein Kreuzweg zur Fatimagrotte, die im lichten Buchenwald ganz in der Nähe aufgebaut wurde.
Hier, vor der Figur der Fatima-Madonna spürt man am deutlichsten das oft geleugnete unmittelbare Eingreifen himmlischer Mächte auf Erden. Weit über 1000 Votivtafeln aus jüngster Zeit sind in weitem Halbrund um die Marienfigur aufgestellt. Viele danken anonym mit den Worten „Maria hat geholfen“, andere erzählen mit einem kurzen Satz von Heilungen in aussichtslos erscheinenden Fällen oder von Gebetserhörungen in großer Not. Um die Figur der Maria von Fatima brennen riesige Votivkerzen, die von Pilgern gestiftet wurden. Namen aus aller Welt zeigen, dass der Ruf von Maria Vesperbild weit über die Grenzen Schwabens hinaus gedrungen ist.
aus: Bayerisches Sonntagsblatt, Nr. 44, 117 Jahrgang

Das Gnadenbild


Mittelpunkt der Andacht ist die 1756 erbaute Wallfahrtskirche. Das Gnadenbild steht im Zentrum des Hochaltares, ein im 16. Jahrhundert entstandenes Schnitzwerk, das Maria zeigt, wie sie ihren toten Sohn in den Armen hält. Die herabhängende Hand Jesu weist unmittelbar auf den Tabernakel, den eigentlichen Zentralpunkt jeder Kirche. In der linken Hand hält Maria ein Tränentüchlein und scheint damit auf sich aufmerksam machen zu wollen. „Kommt zu mir, ich verstehe euch, ich habe ein ähnliches Leid wie ihr erduldet!“
Als man im Mittelalter die Stationen des Leidens Christi dem Stundengebet der Mönche zuordnete wurde diese Station der Vesper, dem Abendgebet zugewiesen. Damit erhielt die Darstellung den Namen Vesperbild. Es braucht nicht zu wundern, dass dieses Bild sehr beliebt wurde und auch heute noch geblieben ist. Wohl jeder, der Not und Leid erleben musste, kann sich damit identifizieren.
aus: Bayerisches Sonntagsblatt, Nr. 44, 117 Jahrgang

Der Sohn in seiner Leidensnacht
hat sie als Mutter uns vermacht,
uns helfen ist ihr Mutterpflicht,
Maria, sie vergisst das nicht.

Manch Herz ist an Erbarmen reich,
Mariens Herz ist keines gleich.
Des Kindes Leid, des Kindes Schmerz
fühlt nur so recht ihr Mutterherz.

Drum geh‘, hast du betrübten Sinn,
nur gleich zur Mutter Gottes hin,
und alles Leid und allen Schmerz
erzähle ihrem Mutterherz!

Und sie, die Mutter Königin,
verschafft dir wieder frohen Sinn.
Drum felsenfest dich ihr vertrau‘,
sie ist ja unsere liebe Frau.

Nicht nur in Not, Bedrängnis, Leid –
nein, auch in inn’rem Glück und Freud,
ob ich verzagt, ob glücklich bin:
ich geh‘ zur Mutter Gottes hin.

Ihr übergeb‘ ich mich aufs neu,
sie helfe mir zu Lieb‘ und Treu,
dass ich in alle Ewigkeit
lobpreise die Dreieinigkeit.

Hinführung zum Vesperbild


Die Darstellung der Mutter Jesu mit dem Leichnam ihres Sohnes ist aus der Passionsfrömmigkeit dominikanisch geprägter Frauenmystik des Spätmittelalters im deutschen Sprachraum entstanden. Bei der Zuordnung der Horen des Breviers zu bestimmten Stationen der Passion Christi wurde die Kreuzesabnahme der Vesper zugeordnet: „De cruce deponitur hora vespertina“. So kam es für die Darstellung des Moments nach der Kreuzesabnahme, der Maria mit ihrem toten Sohn zeigt, zur Bezeichnung „Vesperbild“.
Die lateinische Bezeichnung „imago pietatis“ lebt weiter im italienischen „Pietà“. Die fromme Betrachtung des Leidens unseres Herrn Jesus Christus kannte im Anschluss an den Kreuzestod außerdem noch die Kreuzesabnahme, die Beweinung und die Grablegung. Die entsprechenden bildlichen Darstellungen erreichten aber bei weitem nicht die Verbreitung und Popularität des „Vesperbildes“. Um 1500 waren von 75 Gnadenbildern im süddeutschen Raum 49 Vesperbilder.
Der Ursprung dieses Bildtyps ist kunsthistorisch erforscht, für seine spätere Geschichte aber gilt das nicht so sehr. Das Gnadenbild von Maria Vesperbild gehört in diese spätere Geschichte, es ist sicherlich nicht vor dem 16. Jahrhundert entstanden und war bei seiner Stiftung durch Jakob von St. Vincent, dem damaligen Schlossherrn von Seyfriedsberg, vielleicht doch schon ca. 100 Jahre alt. Das Gnadenbild ist ohne Krone 1,16 Meter hoch, mit Krone, die ein Zusatz aus dem 18. Jahrhundert sein dürfte, 1,37 Meter; die Sockelbreite beträgt 40 cm. In der Diagonalen, von der erhobenen Hand Mariens bis zum ausgestreckten Zeigefinger des Leichnams Jesu, ergeben sich 1,10 Meter. Die Leiche Jesu ist mit 1,20 Meter größer als die Gestalt der Gottesmutter; der dreifach unterteilte, jeweils fünfstrahlige Nimbus Jesu dürfte wie die Krone ein Zusatz des 1 8. Jahrhunderts sein. Mariens rechter Fuß steht höher als der linke, so ergibt sich für den Leichnam Jesu, der von der rechten Hand der Gottesmutter gehalten wird, eine angehobene Stellung, eine Schrägung, die die Zuordnung unseres Vesperbildes zum „treppenförmigen Diagonaltyp“ nahe legt. In Telgte und Gengenbach finden sich ebenfalls Vesperbilder dieses kunsthistorischen Typus.
Der linke Arm der Leiche Jesu liegt parallel zum Körper, die Hand ruht auf dem Oberschenkel, der rechte Arm fällt zu Boden, wobei der Zeigefinger der rechten Hand ausgestreckt ist. Die Leidensspuren sind deutlich zu sehen, aber keineswegs überakzentuiert. Mariens Blick richtet sich auf den Kopf Jesu mit der Dornenkrone; der Betrachter sieht das Gesicht Mariens dagegen zur Gänze. Dieses Gesicht ist ganz auf Jesus konzentriert, von Trauer gekennzeichnet, aber diese Trauer ist eine beherrschte, ja hoheitsvolle Trauer. Im Gegensatz zu diesem Ausdruck der Zurückhaltung und Beherrschung steht der auffällig erhobene linke Arm mit dem Tränentuch, letzteres wohl auch eine Ergänzung des 18. Jahrhunderts. Maria trägt ein rotes Gewand in barockem Faltenwurf, das von einem goldenen Gürtel in Hüfthöhe zusammengehalten wird; dazu einen bodenlangen goldenen Schleier mit blauer Innenseite. Das Gold des Gürtels und des Schleiers korrespondiert mit dem Gold des Lendentuches Christi. Die rote Farbe des Gewandes deutet an, dass Maria, die ohne Schmerzen geboren hat, am Fuße des Kreuzes unter Schmerzen die Palme des Martyriums erworben hat.
Eine professionelle kunsthistorische Untersuchung würde wahrscheinlich weitere Details zutage fördern, sicherlich auch die Frage klären können, wie weit die jetzige Fassung mit ihrer Farbgebung dem Orginal entspricht. Aber nicht die kunsthistorische Betrachtung macht ein Kunstwerk zum Gnadenbild, sondern vielmehr die gläubige Zuwendung. Unser Gnadenbild vermittelt uns durch seine Eigentümlichkeiten, die es gerade von anderen Vesperbildern unterscheidet, auch eine eigene Botschaft. Sicherlich gilt von unserem Vesperbild das, was von allen ähnlichen Bildtypen zu sagen ist: es geht um die Mutterschaft Mariens als den letzten Grund jeder Marienverehrung; es geht um das Kreuzesmysterium im Leben Mariens und in unserem Leben; es geht schließlich weiter um die Hinführung zu einer Passionsfrömmigkeit, die das Leiden unseres Herrn Jesus Christus betend und betrachtend begleitet.

Darüber hinaus aber gibt uns unser Gnadenbild gerade in den Eigentümlichkeiten, in denen es vom Bildtypus abweicht, noch einige besondere Impulse für unsere Betrachtung. Da ist die erhobene Linke; es scheint so, als ob Maria uns anhalten will. „Bleibt stehen!“, ruft sie uns zu; „geht nicht weiter, geht nicht vorbei!“ Die erhobene Hand, die uns Halt und Einhalt gebietet und unsere Aufmerksamkeit verlangt, wie nötig ist sie in unserem Leben. Die Hände Mariens sind vom Künstler des Gnadenbildes überproportional ausgeführt. Nicht nur die Linke mit dem Tränentuch, sondern auch die Rechte, die den Leichnam Jesu hält, ist besonders akzentuiert. Eine Hand, die uns aufmerksam macht, die andere Hand, die uns festhalten kann. Das Gnadenbild lädt zur Betrachtung der Hände Mariens ein. Es sind starke Hände, die zupacken können; Hände, die uns den Weg weisen; Hände, die uns halten. Auch die wichtigste Botschaft des Gnadenbildes empfangen wir von einer Hand, nämlich der rechten Hand Jesu. Sie fällt auf den Boden, aber sie fällt mit ausgestrecktem Zeigefinger. Und auch hier hat der Künstler anatomische Richtigkeiten und künstlerische Vorlagen beiseite gelassen, um eine ganz besondere Botschaft auszudrücken. Der Finger Jesu deutet nämlich auf den Tabernakel, deutet auf den Priester am Altar, der das heilige Messopfer zelebriert. Vom Ende des blutigen Kreuzesopfers führt dieser Finger direkt zur unblutigen Vergegenwärtigung eben dieses Opfers in der heiligen Messe. Der tote Jesus weist auf den lebenden Christus im Tabernakel hin, so erweist sich das marianische Vesperbild als eucharistisches Gnadenbild. Maria macht uns mit der erhobenen Linken aufmerksam, Jesus weist uns mit dem Zeigefinger der rechten Hand den Weg zur Eucharistie. Häufig ist bei diesem Bildtypus die Figur Jesu kleiner als die der Gottesmutter, in unserem Gnadenbild nicht. Einmal mehr zeigt sich so gerade an diesem Vesperbild, daß Maria über sich hinausweist, daß Maria zu Christus führt. Jede Marienwallfahrt ist so immer auch eine Christuswallfahrt: per Mariam ad Jesum.
aus: Die Wallfahrt Maria Vesperbild, Hrsg. Prälat Dr. Wilhelm Imkamp, Wallfahrtsdirektor

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