Die schwäbische Hauptstadt Mariens

Predigt zu Christi Himmelfahrt 2021

Predigt zu Christi Himmelfahrt 2021

 

Die große symbolische Bedeutung des Ostens

von Wallfahrtsdirektor Msgr. Erwin Reichart

 

In der Lesung aus der Apostelgeschichte habe wir gerade gehört, dass der Engel bei der Himmelfahrt Jesu zu den Aposteln sagt: „Er wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen!“

Dieser Hinweis „ebenso wiederkommen“ wird oft übersehen. Für den Evangelisten Lukas  ist dies aber ganz offensichtlich von so großer Bedeutung, dass er es ausdrücklich erwähnt!

Woher wird er wiederkommen?

Die Antwort gibt Jesus im Matthäusevangelium: „Wie der Blitz von Osten aufflammt und bis zum Westen leuchtet, so wird es bei der Ankunft des Menschensohnes sein!“

Er wird also am Ende der Zeit von Osten her wiederkommen!

Was hat das zu bedeuten?

  1. Die Ostung – ein Markenzeichen der Christen

In Maria Vesperbild gibt es seit einigen Wochen wieder ein offenes Ostfenster. Es wurde wohl bei der Kirchenrenovierung 1860 zugemauert.

In gotischen Kirchen gibt es oft ein riesiges Ostfenster, in romanischen und barocken oft einen runden Ausguck.

Fast alle Kirchen sind nach Osten ausgerichtet, damit die Gläubigen darin in Richtung Osten beten.

Auf vielen Friedhöfen werden die Verstorbenen so bestattet, dass sie nach Osten „schauen“.

Wenn man frühmittelalterliche Gräber entdeckt, weiß man an der östlichen Ausrichtung der Toten sofort, ob sie schon Christen waren oder nicht.

Die Juden beten in Richtung Jerusalem, die Muslime in Richtung Mekka und die Christen in Richtung Osten!

Die sogenannten „Volksaltäre“, die nie vorgeschrieben waren, wurden meist auf Grund eines Missverständnisses eingeführt, indem man die Gebetsrichtung nach Osten nicht mehr verstand und meinte, dass der Priester am Hochaltar den Gläubigen unhöflicherweise den Rücken zudrehe.

In Wirklichkeit betet der Priester mit den Gläubigen gemeinsam in Richtung Osten. Er dreht ihnen genauso wenig wie ein Bergführer oder ein Busfahrer den Rücken zu.

Kardinal Sarah, der oberste „Chef“ für die Liturgie und einer der engsten Mitarbeiter des Papstes hat vor einigen Jahren sogar offen dazu aufgefordert, die Volkaltäre wieder zu entfernen. Doch die Zeit ist im Allgemeinen dazu noch nicht reif. Aber in der modernen kirchengeschichtlichen und liturgischen Forschung wird wieder neu die Bedeutung der Gebetsrichtung nach Osten entdeckt und festgestellt, dass die Volksaltäre eine sehr fragwürdige Neuerung sind.

  1. Gott spricht mit der Sprache seiner Schöpfung

Heute wird durch die ökologische Bewegung wieder neu entdeckt, dass wir Teil der Schöpfung sind und mit der Natur im Einklang leben müssen. Wir müssen ihre Sprache hören und verstehen.

Die Sonne ist nicht irgendein Gestirn sondern sogar lebensnotwendig!

Christus vergleicht sich mit der Sonne! Er ist die wahre Sonne, die nicht nur das vergängliche irdische Leben spendet sondern sogar das ewige Leben.

Christus ist nicht umsonst am Ostermorgen – als die Sonne aufging – auferstanden! Im Wort Ostern steckt Osten drin.

Wenn es in der Bibel heißt, dass das Paradies im Osten war, dann verstehen wir nun die symbolische Aussage! Das Paradies ist der Ort des wahren glücklichen Lebens, das wir alle ersehnen!

Die Geburt der „wahren Sonne“ wird nicht umsonst an Weihnachten gefeiert – also ein paar Tage nach der Wintersonnenwende – , wo das Licht das Dunkel überwunden hat.

Bei der Himmelfahrt hätte sich Jesus einfach unsichtbar machen können, aber er fuhr in Richtung Osten auf, um die kosmische Bedeutung des Ostens und damit seine eigene Bedeutung als wahres „Licht der Welt“ zu unterstreichen.

  1. Der theologische Sinn des Ostens

Der hl. Johannes von Damaskus (um 600) ist ein bedeutender Zeuge der frühen Kirche und wird als Kirchenvater verehrt. Er schreibt: „Da wir ihn erwarten, beten wir nach Osten. Das ist eine ungeschriebene Überlieferung der Apostel!“

Die Ausrichtung nach Osten ist also ein Zeichen der Erwartung und der Hoffnung. Selbst im Sterben haben wir Christen immer noch Hoffnung – darum die Ausrichtung der Verstorbenen mit dem Gesicht nach Osten.

Wir brauchen uns nie nur zufriedengeben und abfinden mit dieser Welt! Wir erwarten Mehr! Wir erwarten die Wiederkunft Christi, der am „Jüngsten Tag“ die Erlösung endgültig durchsetzen wird. Satan und alles Böse hat dann endgültig ausgespielt. Alles Leid und der Tod haben dann ein Ende!

Das „Jüngste Gericht“ wird oft zu sehr mit Angst und Sorge verbunden! Wenn wir christlich leben, ist dieser Tag aber ein Tag der Freude. „Dann erhebt euer Haupt“, heißt es im Evangelium! Die Gerechtigkeit wird dann durchgesetzt und das Treiben der Bösen hat ein Ende. 

Das lateinische Wort „Orient“ bedeutet übersetzt „Osten“. Wenn ich also die Orientierung verloren habe, dann habe ich den Osten – die Ausrichtung auf den wiederkommenden Christus – verloren. Christus soll unser Bezugspunkt für unser ganzes Leben sein!

Meine Lieben in Christus!

Christus ist in Richtung Osten in den Himmel aufgefahren und wird von dorther wiederkommen!

Die Gebetsrichtung nach Osten ist das Markenzeichen der Christen!

Gott nimmt die Sprache und Symbolkraft seiner Schöpfung – insbesondere der Sonne – in seine Verkündigung auf: Geburt Christi bei der Wintersonnenwende, Auferstehung beim Sonnenaufgang am Ostermorgen, Himmelfahrt gen Osten und Wiederkunft aus dem Osten!

Wenn wir uns beim Gebet gemeinsam nach Osten wenden und hier in unserer Wallfahrtskirche das runde Ostfenster vor uns sehen, dann bringt das unsere Erwartung und Hoffnung auf die endgültige Erlösung zum Ausdruck! Christus wird uns ewig glücklich machen!        Amen!

Grundlegende und weiterführende wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema:  

Klaus Gamber, Zum Herrn hin, Fragen um Kirchenbau und Gebet nach Osten, Pustet Verlag 1987

Uwe Michael Lang, Conversi ad Dominum, Zu Geschichte und Theologie der christlichen Gebetsrichtung, Johannes Verlag 2003

Erwin Reichart, Muss der Volksaltar sein, Schriften des Initiativkreises katholischer Laien und Priester der Diözese Augsburg, Heft 36  (Bezugsadresse: Gerhard Stumpf, Nordfeldstr, 3, 85899 Landsberg).Der Beitrag ist auch im Internet schnell zu finden unter „Volksaltar“. 

Stefan Heid, Altar und Kirche, Prinzipien christlicher Liturgie, Schnell und Steiner 2019

 

Anmerkung: Viele Jahre wurde das Thema Volksaltar derartig ideologisch mit dem Fortschrittsglauben nach dem 2. Vatikanischen Konzil verbunden und damit tabuisiert, dass man nicht vernünftig über dieses Thema diskutieren konnte. Wer auch nur am Volksaltar kratzte, wurde als „Konzilsgegner“ gebrandmarkt – obwohl das Konzil den Volksaltar nicht einmal erwähnt – geschweige denn angeordnet hat. Inzwischen hat sich das – Gott sei Dank – deutlich geändert!

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