Kardinal Woelki: nicht Mehrheit, sondern Wahrheit verpflichtet

Christus im Blick

Ja, die Kirche muss erneuert werden – aber diese Erneuerung kann nicht aus der „Lebenswirklichkeit“ kommen, sondern nur aus dem Geist des Evangeliums. Von Rainer Maria Kardinal Woelki

Wozu Kirche? Die Frage, so simpel und banal sie klingen mag, wird immer häufiger gestellt. Mehr noch, sie wird oft klipp und klar und ohne alle Umschweife beantwortet: Kirche brauche ich nicht! Die Frage nach Gott, nach dem Sinn des eigenen Lebens, nach dem Woher und Wohin, all das macht eine wachsende Zahl von Menschen lieber mit sich selbst und ganz ohne die Kirche aus; oder die existenziellen Fragen werden verdrängt – solange es denn geht. Für viele dieser Menschen sind Austritt und Abkehr die logische Konsequenz, andere konzedieren wenigstens eine gesellschaftliche Aufgabe für die Kirche, wenn sie auch selbst distanziert und unbeteiligt sind, also einen sozialethischen und caritativen Nutzwert, der das Dasein der Kirche rechtfertigt und vielleicht auch eine gewisse ideelle und finanzielle Unterstützung legitimiert: Christliche Werte sind ja nicht verkehrt, und immerhin hilft die Kirche Menschen in Not. Und von manchen wird die Kirche schließlich nur noch als ein Stück Kulturtradition und als wichtiger Arbeitgeber gelobt. Es ist erschreckend und beschämend, wenn dagegen immer weniger Menschen die Heilsbotschaft selbst hören oder hören wollen, wenn sie die Sakramente nicht in Anspruch nehmen, das Evangelium für fromme Plauderei halten und das Credo für Poesie. Offenbar haben die Verkünder des Glaubens versagt.

Umso mehr sollten die Gläubigen die Ausgangsfrage auch in die umgekehrte Richtung, also: sich selbst stellen, sie als Herausforderung ansehen und als Chance zur Besinnung und Selbstvergewisserung: Wozu Kirche? Das ist eine Frage, die sie an sich heranlassen müssen, ohne es sich damit zu leicht zu machen. Katholiken und Katholikinnen sollten nicht einfach voraussetzen, dass sie die Antwort seit jeher kennen. Richtig ist wohl eher: Die Antwort muss neu gefunden werden, neu erlernt, neu begriffen; sie ist der Kirche, sie ist uns, wenn nicht alle Anzeichen täuschen, abhandengekommen.

In den anhaltenden Debatten um die nötigen „Reformen“ in der Kirche in Deutschland ist das Krisenbewusstsein und die Einsicht in ihre eigenen Fehler und Schwächen deutlich spürbar, nicht erst ausgelöst, aber noch einmal dramatisch verstärkt durch den verheerenden Vertrauensverlust, den der Missbrauchsskandal mit sich gebracht hat. Doch wird in diesen Debatten die leitende Frage oft auf den Kopf gestellt: Was wollen die Menschen? Was wird von der Kirche erwartet? Was kommt an und was nicht? Wo muss sie sich anpassen, weil sie sonst keine Akzeptanz mehr findet? Daraus ergeben sich schnell Forderungen, die Kirche müsse aufgeben, was „überholt“ ist, sie müsse „zeitgemäß“ werden und habe ohne Zugeständnisse an die Forderungen von Menschen und Medien schlicht keine Zukunft mehr. Weiter: Die Kirche müsse die „Lebenswirklichkeit“ anerkennen, ja sie müsse diese sogar als zusätzliche Quelle der Offenbarung begreifen. Dass die Kirche sich „neu erfinden“ müsse, ist die letzte Zuspitzung und Kristallisation dieser Debatte. All das verdient keine polemische Antwort, sondern Respekt, denn was sich hier äußert, entspringt derselben Sorge und Gewissensnot, die ich nur zu gut aus eigener Erfahrung kenne. Doch komme ich zu anderen Schlussfolgerungen.

Die Wirklichkeit ist in der Tat eine Offenbarung, aber nicht unbedingt eine göttliche. Nicht Anpassung an diese Wirklichkeit kann die Devise sein, sondern die Deutung dieser Realität im Lichte des Evangeliums. Aufgabe der Kirche ist es, die Geister voneinander zu scheiden. Sie kann sich, egal wie groß der mediale Handlungsdruck und die öffentlichen Erwartungen auch sein mögen, keine Veränderungen ihrer Lehre abtrotzen lassen, wenn diese dem Geist des Evangeliums widersprechen. Und das gilt eben nicht nur für die ganz großen Dogmen wie die Dreifaltigkeit oder die Gottessohnschaft Christi, sondern auch für andere grundlegende Fragen. Das gilt hinsichtlich der Schöpfungsordnung, der gegenseitigen Hinordnung von Mann und Frau, ihrer grundsätzlich auf neues Leben hin offenen Liebe und Treue. Das gilt meiner persönlichen Überzeugung nach auch da, wo seit den Zeiten des Neuen Testaments Menschen Freiheit für Christus und die ihnen Anvertrauten gewinnen, indem sie auf Ehe und Familie verzichten. Schließlich gilt es selbst da, wo die Kirche im Gehorsam gegenüber dem Vorbild Jesu Frauen nicht zu Priestern weihen kann. Solche und ähnliche Entscheidungen der Kirche haben eine Tragweite, die es unmöglich macht, sie mit einem Federstrich herbeizuführen. Das hieße, die Wegweisung Lügen strafen, die Gott der Vater durch den Sohn im Heiligen Geist der Kirche gibt. In die Zukunft führt ein solcher Kleinmut nicht!

Das Argument, dass die „Abstimmung mit den Füßen“, also die Abkehr vieler Menschen von der Kirche, schlicht keine andere Wahl lasse, überzeugt mich nicht. Christus selbst hat mit seiner Verkündigung nicht nur Zustimmung und Jubel ausgelöst, sondern auch Unverständnis und Ablehnung: „Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören?“ (Joh 6,60). Daraufhin hat er nicht etwa seine Lehre den Wünschen der Leute angepasst, sondern zugunsten der Wahrheit in Kauf genommen, dass „sich viele seiner Jünger zurück[zogen] und … nicht mehr mit ihm umher“ gingen (Johannes 6,66). Zahlen und Mehrheiten können nie über die Wahrheit entscheiden; nicht nur die kirchliche, überhaupt die historische Erfahrung zeigt, dass Mehrheiten irren und auf entsetzliche Abwege geraten können. Was sind schon Mehrheiten? Würde sich die kirchliche Glaubensüberzeugung etwa, in letzter Zuspitzung, auch einem Erwartungsdruck beugen, der die Auferstehung des Herrn in Frage stellt? Könnten am Ende Mehrheiten entscheiden, Schuld und Sünde aus dem christlichen Bekenntnis zu tilgen? Was, wenn die „Abstimmung mit den Füßen“ eines Tages ergeben sollte, dass die Gottessohnschaft Christi nicht mehr akzeptiert wird und er auf einen vorbildlichen Menschen reduziert werden soll? Gilt dann auch, was ich in den letzten Wochen so oft gehört habe, dass die Kirche „handeln muss“, weil ihr keine andere Wahl bleibt? Ist die neue Wirklichkeit dann auch eine Offenbarungsquelle?

Etwas anderes kommt hinzu: Wer die Berichterstattung in den Medien verfolgt, kann leicht den Eindruck gewinnen, nicht der Glaube sei das Thema der Kirche, sondern die Sexualität. Irgendwie scheint sich immer alles darum zu drehen, direkt oder indirekt, sei es, wenn vom Zölibat die Rede ist, von Wiederverheirateten und unverheiratet Zusammenlebenden, von Homosexualität und Sex vor der Ehe. Die Kirche sollte vorsichtig sein, dieses Zerrbild nicht dadurch zu bestätigen, dass sie selbst nur noch diese Debatten führt. Und dort, wo sie über Sexualität redet, sollte sie sich auf das Wesentliche, das heißt das Gute und Hoffnungsvolle besinnen: Nicht Verbote stehen im Zentrum ihrer Moral, sondern eine Verheißung, ein Glücksversprechen. Die menschliche Sexualität ist Teil des göttlichen Heilsplanes, und sie ist, gewissenhaft und verantwortungsvoll gelebt, eine Quelle der Freude und des erneuerten Lebens. Die so oft geschmähte, angeblich dringend reformbedürftige kirchliche Morallehre hält ein Versprechen aufrecht, das in der Spaß- und Unterhaltungskultur unter die Räder zu kommen droht: Es gibt sie, die eine große Liebe! Es gibt sie als unverbrüchliche Zusage Gottes an uns Menschen, aber sie ist auch möglich und erfahrbar in der Wirklichkeit unseres Lebens, als beständige Ehe, als priesterliche Hingabe – und beide Male ist Gott Dreh- und Angelpunkt, Trost und Kraftquelle. Und es ist ja auch nicht so, als gäbe es diese Menschen gar nicht, die Eheleute, die zusammen durch dick und dünn gehen und sich ein Leben lang treu sind, die Priester und Ordensleute, die ihre Berufung leben, in guten und in schlechten Tagen. Das sollte im Lärm der Forderungen, dass sich doch jetzt dringend etwas ändern müsste und alles überholt sei, nicht ganz vergessen werden.

Und schließlich: Diejenigen, die jetzt inner- und außerhalb der Kirche so energisch auf Veränderungen gerade bei diesen Themen drängen, also auf eine Lockerung des Zölibats, eine Neubewertung der Homosexualität, auf Weiheämter für Frauen und eine generelle Akzeptanz außerehelicher Sexualität, sind bislang die Antwort schuldig geblieben, warum denn die evangelischen Christen in Deutschland, die all dies haben, was jetzt gefordert wird, kein Stück besser dastehen, nicht beim Nachwuchs in pastoralen Berufen, nicht in der Glaubenspraxis oder bei den Austrittszahlen. Ist diese Beobachtung nicht ein Hinweis darauf, dass die wahren Probleme woanders liegen, dass das gesamte Christentum mit einer Krise des Glaubens und Verstehens zu kämpfen hat und weniger mit einer neuen Lebenswirklichkeit, die nun endlich bejaht werden muss.

Ich meine, das weitreichende Unverständnis gegenüber zentralen Aspekten des katholischen Glaubens, namentlich der Sakramentenlehre, des Priestertums, aber auch gegenüber Offenbarung und christlicher Glaubens- und Lebenspraxis, sollte uns Katholiken und Katholikinnen in erster Linie wachrütteln und deutlich werden lassen, dass wir etwas falsch machen. Wir reden zu viel von der Kirche und zu wenig von Christus; wir schauen zu oft auf uns selbst und zu wenig auf ihn. Das Christentum war von Anfang an eine alternative Kultur, es stand mitten in dieser Welt und in einem bestimmten geschichtlichen Augenblick, es war keine Denkschule und keine Philosophie, sondern von Beginn an Begegnung mit einer lebendigen Person, ein Glaube aus Fleisch und Blut sozusagen, der konkret erfahrbar ist.

Nie hat sich dieser Glaube einfach mit der Welt gemein gemacht; in seinem Anderssein hat er immer auf eine andere, jenseitige Welt verwiesen.

Das Wort „Entweltlichung“, das Papst Benedikt XVI. der Kirche ins Stammbuch geschrieben hat, ist allzu schnell beiseite geschoben worden; es sollte noch einmal gründlicher bedacht werden. Es meint, so glaube ich, keinen Rückzug von der Welt, aber eine Rückbesinnung auf den einzigartigen Charakter der christlichen Heilsbotschaft. Nur wenn die Kirche über die sichtbare Welt hinausweist und Zeugnis gibt für die Erlösung des Menschen durch Gottes Sohn, nur dann wird sie weiterhin Menschen gewinnen und zum Heil führen.

Zugespitzt lautet die Alternative, vor der wir stehen: Entweltlichung der Kirche oder Entchristianisierung der Welt – jedenfalls des Weltteils, in dem wir als Deutsche leben, denn es gibt andernorts Trends, die mit unseren kaum vergleichbar sind.

Ich möchte nicht missverstanden werden. Ich rede hier nicht einem unreflektierten Traditionalismus das Wort, einer Sehnsucht nach dem angeblich viel besseren Gestern, ich will auch keine Wagenburg, in der sich eine kleine fromme Herde verschanzt. Im Gegenteil, ich will Wachstum und Aufbruch, ich will Glauben im Hier und Heute, aber das alles wird nur Menschen berühren und begeistern, wenn wir alle unserer Sendung treu sind. Der Weg der Kirche kann nur in die Zukunft führen und nicht in die Vergangenheit, aber diese Zukunft wird sie nur mitgestalten, wenn sie sich neu auf Christus besinnt, wenn sie zu ihm zurückkehrt, wo sie ihn aus den Augen verloren hat.

Wozu Kirche? Die Antwort muss nicht erfunden, sondern wieder aufgefunden, von neuem gesucht werden. Erfunden haben wir Menschen, wenn wir ehrlich sind, in dieser Hinsicht gar nichts, nicht die Welt und nicht uns selbst, nicht die Kirche und nicht den Glauben. Alles ist uns anvertraut. Es ist uns geschenkt worden – ganz unverdient. Nur in diesem Geist und dieser Demut kann die Kirche sich erneuern. Sie muss sich leiten lassen nicht vom Blick auf sich selbst oder auf die Welt, sondern allein von dem Blick auf den Erlöser, vom Blick auf Christus.

Quelle: Die Tagespost, 28. März 2019

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